| Klaus Teuber, Spieleautor
am Ende des 20. Jahrhunderts
Klaus Teuber, Spieleautor am Ende des 20. Jahrhunderts. Aha. Das klingt final.
Das klingt, als ginge es Klaus Teuber demnächst wie jenen Computern, die mit dem
Ende des Jahres 1999 ihren Geist aufgeben und nur noch Datensalat produzieren;
in diesem Fall dürfte es sich um Spielesalat handeln. Armer Klaus Teuber... Ich
habe diesen Titel nicht selbst gewählt, und ich hätte ihn so vermutlich auch nicht
gewählt denn ich bin kein Wissenschaftler, sondern Journalist. Ich weiß
also von vielem ein wenig, aber nur von wenigem wirklich viel; einen Vortrag unter
einem derart bedeutsamen Titel darf ich mir deshalb gar nicht zutrauen. Von Klaus
Teuber weiß ich, daß er sich wunderbare Spiele ausdenkt. Das ist viel für mich,
aber wenig für die Wissenschaft.
Ich sagte: wunderbar; ich kann das Wort aber so allein nicht stehenlassen,
weil es nichts übers Ende des 20. Jahrhunderts aussagt, eher im Gegenteil. Niemand
käme auf die Idee, unsere Zeit mit dem Adjektiv wunderbar" zu versehen.
Aber bin ich damit vielleicht schon, sozusagen versehentlich, bei der ersten
Erkenntnis angelangt? Lautet sie: Klaus Teuber ist ein wunderbarer Spieleautor,
der nicht in die beschissene Zeit paßt? Und ist unsere Zeit wirklich, nun ja,
bescheiden, und warum? Und warum ist Klaus Teuber trotzdem so erfolgreich? Oder
ist er es gerade deswegen? Schrecklich viele Fragen. Ich muß leider noch einmal
von vorne und ganz bescheiden anfangen.
Also, erstens, was ist eigentlich ein Spieleautor?
Wer die Idee zu einem Spiel hat und auch in der Lage ist, aus dieser Idee ein
brauchbares Spiel zu machen, heißt im allgemeinen Spiele-Erfinder oder eben Spiele-Autor
und es ist keineswegs egal, ob er so heißt oder so. Ein Erfinder ist prototypisch
Daniel Düsentrieb; ein Erfinder ist einer, bei dem man im Bedarfsfalle eine Talerverflüssigungsmaschine
in Auftrag geben kann oder eine revolutionäre Panzerknackerwarnanlage für den
Geldspeicher; ein Erfinder ist einer, der auch ohne Auftrag gerne bastelt, die
Idee zu einem noch nie dagewesenen Ding hat und vielleicht sogar in der Lage ist,
dieses Ding selbst herzustellen. Möglicherweise wird er dadurch berühmt. Erfinder
waren Thomas Alva Edison, ohne den es Osram nicht gäbe, und Graham Bell, ohne
den es die Telekom nicht gäbe, und Nikolaus Otto, ohne den es den Elchtest nicht
gäbe.
Thomas Mann war kein Erfinder. Franz Kafka war ebenfalls kein Erfinder. Die
beiden waren, wir wissen es, Schriftsteller, sie waren Autoren. Woher kommt es
dann, daß niemand behauptet, sie hätten den Zauberberg" oder den Prozeß"
erfunden? Vielleicht liegt es daran, daß wir eigentlich auch dies wissen:
Ein Erfinder bringt einen neuen Gebrauchsgegenstand auf die Welt oder eine neue
Technik; ein Autor beschreibt eine neue Welt, die nicht zu gebrauchen ist, aber
zu erleben. Auf unser Thema übertragen, heißt das: Spiele-Erfinder basteln aus
Mechanismen, die leider selten neu sind, ein Produkt zusammen, das im Idealfalle
reibungslos funktioniert und den Konsumenten zufriedenstellt, wenn er es benutzt.
Spiele-Autoren tun dasselbe, da sollte man sich keinen romantischen Illusionen
hingeben sie verfügen aber zusätzlich über eine Fähigkeit, die ehemals
schöpferischer Atem geheißen haben mag. Ihr Produkt funktioniert nicht nur, es
lebt außerdem. Für den Konsumenten bedeutet das, daß zur Zufriedenheit das Erlebnis
kommt.
Manche Erfinder sind Autoren, werden aber nicht so genannt; manche Autoren
sind Erfinder, gelten aber als Autoren. In Wirklichkeit ist es so, daß sich kaum
jemand über diese Begriffe Gedanken macht obwohl sie doch so viel verraten,
vor allem über jene, die sie verwenden. Wer ein Spiel für das Produkt eines Erfinders
hält, stellt sich vermutlich eine Art Waschmittel vor, das im Erfolgsfalle die
Tischdecken weißer als weiß hinterläßt; und er vertraut deshalb, nebenbei bemerkt,
gerne dem Urteil derer, die Spiele nicht kritisieren oder besprechen,
sondern testen. Auch die Stiftung Warentest" nimmt sich ja hin
und wieder zwischen Mikrowellenherden und Winterreifen des Gebrauchsgegenstands
Spiel an; im Heft 12/96 teilte sie zum Beispiel mit, die Spielmittel"
der Siedler von Catan" seien gut zu handhaben, allerdings fast
zu zahlreich". Sowas ist zweifellos legitim und unbedingt nützlich. Wer aber
seine Zeit dem Werk eines Autors widmet, verspricht sich mehr als Materie. Und
wenn der Autor gut ist, hält er das.
Was ein Spieleautor ist, wissen wir jetzt. Die zweite Frage
lautet: Was ist ein Klaus Teuber?
Klaus Teuber ist ein Zahntechniker. Ich selbst habe einige Erfahrung mit diesem
Berufsstand, wenn auch nur indirekte Erfahrung Zahntechniker heißt für
mich, daß ein Fahrradbote bei meiner Zahnärztin klingelt und ein Päckchen abgibt,
daß die Zahnärztin etwas wie Wurde auch Zeit!" brummelt, das Päckchen
aufreißt und mir seinen Inhalt in den Mund zementiert. Wenn der Zahntechniker
gut war, habe ich einige Tage später nicht mehr das Gefühl, mit Fremdkörpern zu
kauen.
Und das ist Klaus Teuber? Ja, auch das ist Klaus Teuber, und daß er es noch
immer ist, spricht für ihn. Man darf unterstellen, daß er es inzwischen nicht
mehr unbedingt nötig hätte, an Kronen und Inlays zu feilen oder feilen zu lassen
allerdings wüßte er dann, daß jedes neue Spiel so perfekt in den Markt
passen müßte wie ein Krone auf den Stift. Bei der Zahntechnik ist das egal, es
ist ein Handwerk, der Kunde zahlt, der Kunde schafft an; bei den Spielen sollte
es nicht egal sein. Wer stets den Kunden im Hinterkopf haben muß, also den Markt
und dessen in der Regel eher bescheidenen Bedürfnisse, findet sich schnell auf
dem kleinsten gemeinsamen Nenner wieder. Geld mag dort unten durchaus zu verdienen
sein, aber in größerer Menge eben nur für Massenware oder in Ausnahmefällen. Wer
sich auf solche Glückstreffer nicht verlassen mag und keine Lust hat, Spiele von
der Stange zu produzieren, muß also Zahntechniker bleiben zum Beispiel.
Klaus Teuber ist ein Spieleautor. Zwar gibt es Pressetexte über ihn, in denen
viel vom Erfinden" die Rede ist, doch heißt es in denselben Texten,
er gehe bei der Entwicklung seiner Spiele immer von einer Geschichte aus und nicht
etwa von Mechanismen" oder mathematischen Berechnungen. Wer aber Geschichten
im Kopf hat, ist Autor oder jedenfalls auf dem Weg dahin. Ich stelle mir das so
vor, daß Klaus Teuber ein Buch liest oder von einem historischen Ereignis hört
und überhaupt nicht damit zufrieden ist, nur zu hören oder zu sehen oder zu lesen
er möchte machen, er möchte etwas zum Leben erwecken, er möchte
sich einmischen; vielleicht möchte er einfach nur mitspielen und dabei die Dinge
nach seinen Vorstellungen formen. Das klingt ansatzweise göttlich und damit vermutlich
anmaßend, aber ich finde, es ist legitim und das Privileg eines schöpferischen
Menschen, hin und wieder Gott sein zu wollen man hat ja sonst als Mensch
alles in allem recht wenig zu melden. Bei Wahlen hat man gerade mal eine Stimme,
als abhängig Beschäftigter hat man zu gehorchen, als Freund oder Partner hat man
Kompromisse über Kompromisse zu schließen: Es muß also wunderbar sein, eine Welt
ganz nach eigenem Gusto zu erschaffen. Manche Menschen malen zu diesem Zweck Bilder
oder schreiben Romane, andere schreiben eben Spiele. Klaus Teuber schrieb Barbarossa
und die Rätselmeister", weil er einen Fantasy-Roman gelesen hatte; er schrieb
Drunter & Drüber", weil ihn die Schildbürger faszinierten; er schrieb
den Fliegenden Holländer", weil er sich Wagner angetan hatte. Ich gehöre
zu den Menschen, die ihm vor allem für letzteres sehr dankbar sind: Besten Gewissens
kann ich behaupten, den Fliegenden Holländer" zu kennen ohne
je in der Oper gewesen sein zu müssen. Auch dafür sind Spiele offensichtlich zu
gebrauchen, als Ersatz für eine allzu anstrengende Wirklichkeit.
Ich weiß schon, ein Titel mindestens fehlte noch in dieser
kurzen Aufzählung; ich habe aber am Anfang erstens" gesagt, nämlich
erstens, was ist ein Spieleautor es wird nun höchste Zeit fürs zweitens".
Zweitens also, was ist das Ende des 20. Jahrhunderts?
Die einfachste Antwort lautet: Das ist jetzt. Ende. Eigentlich weiß ja jeder,
was jetzt alles ist. Jeder kennt die einschlägigen Stichwörter wie Postmoderne"
oder Unübersichtlichkeit" oder Beschleunigung" oder Individualisierung"
oder Globalisierung", jeder weiß, daß sich eine Wirtschaftskrise in
Japan auch in Altötting auswirkt und der Rubelverfall in Rußland den hiesigen
Shareholdern schwer auf den Magen schlägt. Jeder weiß, daß eine Berliner Republik
auf uns zukommt, erstaunlicherweise ohne Helmut Kohl, aber vermutlich mit Millionen
von Arbeitslosen; jeder weiß, daß der Euro die Mark ersetzt und die eilige e-mail
auf Dauer wohl den langsamen handgeschriebenen Brief. Im Internet liegen jetzt
schon mehr Informationen bereit, als jemals alle Menschen zusammen wirklich benötigen
oder gar verstehen werden, und wer vor nichts zurückschreckt, kann nachlesen,
wie sich die Rückenbeschwerden eines amerikanischen Präsidenten auf dessen sexuelle
Vorlieben auswirken. Das alles sind Schlaglichter aufs Ende des 20. Jahrhunderts
ich habe aber nicht den Eindruck, daß damit wirklich etwas Brauchbares
über unsere Zeit gesagt ist, und ich sehe fürs erste nicht, daß sich ein Zusammenhang
mit Klaus Teuber geradezu aufdrängt.
Wenn ich es eine Etage tiefer versuche, komme ich der Sache vielleicht näher.
Gibt es etwas, daß all diesen Endjahrhundert-Phänomen gemeinsam ist, etwas, das
sich im Alltag bemerkbar macht, auch wenn man das Wort Globalisierung"
noch nie gehört hat? Ja, das gibt es. Es gibt sogar einiges. Ich rufe bei einer
Firma an, um vielleicht mitzuteilen, daß die Waschmaschine beim Schleudern verdächtig
scheppert und es meldet sich nicht etwa ein Handwerker in seiner Werkstatt,
sondern am anderen Ende der gebührenpflichtigen Hotline eine Dame, die sagt: Guten
Tag, hier ist die Firma Miele, mein Name ist Cornelia Huber, was kann ich für
Sie tun?" Derartiges gilt als vorbildliche Kundenorientierung, erweckt aber
den Eindruck, nicht mit einem als Individuum wahrnehmbaren Menschen zu sprechen,
sondern mit einem gut programmierten Computer.
Zweites Beispiel. Ich kaufe mir eine moderne Zeitung oder ein erfolgreiches
Magazin, es mag vielleicht Hocus" oder Pocus" oder Locus"
heißen und ich lese nicht etwa, wie der Journalist Meier die Welt sieht,
wie er auf eine subjektive, nur ihm eigene, spannende Art und Weise ein Ereignis
interpretiert. Vielmehr erfahre ich mit Hilfe von Infokästchen und bunten Graphiken,
welche Handytarife die günstigsten und welche Ärzte bei Krampfadern die besten
sind.
Drittes Beispiel. Ich schalte den Fernseher ein in der Hoffnung, auf eine bilderreiche
Reportage oder eine politische Analyse zu stoßen statt dessen sehe ich
eine blonde Moderatorin, die offenbar gerade einer Horde schwererziehbarer Kinder
deutlich zu machen versucht, warum sie den folgenden Film namens Blut und
Tränen auf dem Babystrich" unbedingt sehen müssen.
Was ich mit diesen banalen Beispielen sagen will, ist: Nicht nur die Kapitalströme
sind globalisiert, auch der Schwachsinn ist es. Postmodern ist nicht nur die Architektur,
sondern die Kultur im weitesten Sinne, insofern, als alles egal und nichts von
Bedeutung ist, weil es eigentlich stets nur um eines geht: Was kann ich möglichst
weltweit an möglichst viele bei möglichst geringem Aufwand möglichst teuer verkaufen?
Wir sind sagenhaft individualisiert, das ist zweifellos wahr viele Ehen
haben ein frühes Verfallsdatum, Parteibindungen zerbröseln, den Gewerkschaften
schließen sich angeblich nur noch schlichtere Gemüter an, und wer meint, vom ersten
Lehrjahr bis zur Pensionierung in ein und derselben Firma bleiben zu können, erlebt
früher oder später seinen blauen Brief. Mit der Individualisierung scheint aber
paradoxerweise eine Abschaffung des Individuums einherzugehen ich meine
damit Menschen, die sich am Telefon nicht als Computer melden mögen, die unter
Journalismus nicht Verbraucherberatung verstehen, die sich nicht schon während
des Betriebswirtschafts-Studiums sicherheitshalber den Anzug schneidern lassen,
in dem sie später die Aktionärsversammlung zu leiten gedenken. Und ich meine auch
Redakteure in Spieleverlagen, die nicht bloß an internationale Vermarktbarkeit
denken, sondern hin und wieder auch eine originelle Idee zu haben wagen oder wenigstens
bei anderen zu erkennen sich trauen.
Das war nun zweifellos eine hohe Dosis an Kulturpessimismus aber ich
kann nichts dafür, ich sollte ja übers Ende des 20. Jahrhunderts reden und deutete
schon an, daß mir doch nicht alles so wunderbar vorkommt, wie es die Werbeagenturen
darstellen. Übrigens ist es auch ein Zeichen der Zeit, daß derjenige als
miesepetriger Pessimist gilt, der Thomas Gottschalk für einen bestenfalls unterhaltsamen,
aber vollkommen nebensächlichen Zeitgenossen hält; gute Laune ist Pflicht, und
wer dieser Pflicht nicht nachkommt, muß zur Strafe in die Late Night Show von
Harald Schmidt. Ich bin aber überhaupt nicht miesepetrig, das kann ich versichern.
Ich wollte bloß darlegen, warum Klaus Teuber als Person und Autor eigentlich überhaupt
nicht in diese Zeit paßt. Ich sage eigentlich" denn natürlich
paßt er: Er führt vor, daß manches auch anders geht, als es üblich ist, und damit
braucht die Zeit ihn mehr als jeden Zeitgeistdödel.
Wer Klaus Teuber kennt nein, so kann ich das nicht sagen. Ich habe nicht
den Eindruck, daß man ihn so ohne weiteres wirklich kennenlernen kann. Also: Wer
Klaus Teuber gesehen und beobachtet hat, umringt von Fernsehkameras und bedrängt
von Journalisten, hat einen 46jährigen Jungen gesehen, eher ein bißchen schüchtern,
offenbar noch beim dreiundachtzigsten Interview voller Staunen über das Interesse,
das ihm die Welt entgegenbringt. Jede Form von Arroganz, von zur Schau gestelltem
Bewußtsein seines Könnens, scheint ihm abzugehen obwohl er doch zu den
wenigen Menschen gehört, denen man ein wenig Überheblichkeit nachsehen würde,
weil er wenigstens einen Grund dafür hätte. Aber nichts dergleichen. Er steht
vor einem, lächelt freundlich und erklärt geduldig sein Spiel, als erklärte er
es zum ersten Mal; es ist aber vermutlich schon das hundertste Mal. Er drängt
sich nicht auf, hält Distanz, spricht kein Wort zuviel; stets hat man den Eindruck,
viel lieber als das sogenannte Licht der Öffentlichkeit wäre ihm sein dunkler
Keller, in dem der Holländer fliegt und Adel verpflichtet. (Ich kann mir natürlich
nicht vorstellen, daß es im Keller wirklich dunkel ist aber das Bild paßte
gerade so schön.)
Auch mit diesen Eigenschaften ist Klaus Teuber nicht gegenwarts-kompatibel.
Üblich ist es heutzutage, sich schon beim geringsten Anzeichen von Erfolg als
Popstar zu fühlen. Selbst Politiker sind Popstars, indem sie von ihrem Image leben
und weniger von einem Inhalt; Journalisten sind Popstars, wenn ihnen die eigene
Person wichtiger ist als das Geschehen, über das sie berichten; und auch Künstler
sind Popstars, Schriftsteller zum Beispiel, die sich beim Klagenfurter Wettbewerb
eine Wunde in die Stirn ritzen damit wenigstens das Blut auffällt, wenn
der Text schon untergeht. Kann sich jemand Klaus Teuber vorstellen, wie er zur
Rasierklinge greift, weil er ein neues Spiel vorzustellen hat? Eben. Er ist nicht
laut genug für das laute Ende des 20. Jahrhunderts, und trotzdem hört man ihn.
Warum?
Wir hatten erstens", wir hatten zweitens",
nun kommt drittens": die Siedler von Catan. In diesem Spiel treffen
sich Klaus Teuber und das Ende des 20. Jahrhunderts.
Im Februar 1995 hat der Zahntechniker Teuber ein Spiel namens Die Siedler
von Catan" nicht erfunden, sondern nach längerem Brüten auf die Welt gebracht
auf eine Welt, die das Spiel überraschenderweise empfing, als hätte sie
seit langem darauf gewartet. Wären die Siedler" ein Buch, läge das
eher seltene Ereignis vor, daß es sowohl von den Profi-Lesern in den Feuilletons
begeistert besprochen als auch von den Amateuren in den Buchhandlungen massenhaft
gekauft wird; und nicht nur gekauft, sondern sogar gelesen; und dies alles nicht
nur eine Vorweihnachtszeit lang, sondern über Jahre hinweg. Ein Buch würde auf
diese Weise zum Klassiker. Die Siedler" werden es gewiß ebenfalls,
zunächst als bloßes Produkt, das erhebliche Verkaufszahlen erreicht und hält und
dazu eigentlich keiner Werbung mehr bedürfte, weil es die Werbung selbst ist.
Übers Spiel als solches sagt das freilich noch gar nichts. Auch Monopoly"
ist ein Klassiker, auch Tabu" verkauft sich anhaltend massenhaft
das eine aber dient der Unterhaltung bei Partys und ist ein Spiel mit Worten,
ein Katalysator realer Kommunikation; das andere dient der Einübung in den Kapitalismus
und ist schon deshalb erfolgreich, weil der Kapitalismus seinerseits ein Klassiker
ist. Die Siedler" sind anders, weshalb der Spiegel" meiner
Meinung nach ausnahmsweise nicht ganz die Wahrheit schrieb, als er das Spiel zum
Nachfolger von Monopoly" erklärte: Die Siedler" sind viel
weiter entfernt von alltäglichen Erfahrungen. Natürlich geht es auch hier ums
Habenwollen, ums Besitzen und Verlieren der Schauplatz ist aber ein Ort
der Phantasie und nicht die Schloßallee. Der Unterschied ist erheblich: Wir sind
Gründerväter und mütter wie sonst nie im Leben und nicht Mieter wie jeden
Tag. Wenn Daniel Düsentrieb der Prototyp des Erfinders ist, dann ist Klaus Teuber
der Daniel Düsentrieb unter den Autoren: einer, der Prototypen schafft, im Falle
der Siedler" nicht weniger als den Prototyp eines Spiels, das mehr
ist als das, nämlich eine Welt, und mehr als das, nämlich ein Spiel.
Ein Blick auf die Welt von Catan kann nun vielleicht sogar zeigen, warum diese
Insel am Ende des 20. Jahrhunderts so außerordentlich beliebt ist, und mit der
Insel ihr Schöpfer, den die Presse gerne als König von Catan" bezeichnet.
Ich finde diesen Ausdruck pathetisch und unpassend, ich hielte es für besser,
ihn nüchtern und schlicht Gott von Catan" zu nennen. Immerhin gäbe
es die Insel ohne ihn nicht, was man von Mallorca und dem aus der Religion als
Gott bekannten Wesen nicht so eindeutig behaupten kann. Apropos Mallorca! Rund
elf Millionen Deutsche haben diese Insel in den vergangenen vier Jahren besucht
knapp drei Millionen haben im selben Zeitraum ein Siedler"-Spiel
gekauft, und wenn man annimmt, daß sie in dieser Zeit durchschnittlich wenigstens
viermal auch damit gespielt haben, dann waren mehr Deutsche auf Catan als auf
Mallorca. Warum? Catan ist billiger, aber das allein kann es nicht sein. Auch
auf Mallorca gibt es Meer, Gebirge, Wald, Weideflächen, Felder; eine Wüste gibt
es nicht, dafür aber Ballermann 6. Mallorca hat alles, was der gemeine Urlauber
braucht, Alkohol und Halligalli in den Küstenstädten oder Natur und Ruhe im Hinterland.
Mallorca hat aber leider auch einen großen Nachteil: Es ist real. Von seinen Rohstoffen
profitiert irgendwer, aber gewiß nicht der Besucher, dem es auch herzlich egal
sein kann und muß, ob die Schafe gut im Futter stehen und die Äcker ertragreich
sind. Er kann Straßen befahren und Siedlungen bewohnen er kann aber keine
Siedlungen gründen und keine Straßen bauen. Mallorca ist, zusammengefaßt, das
richtige Leben: Alles ist schon da und darf gegen Bezahlung benützt werden, und
wenn der Urlaub vorbei ist, fliegen wir wieder heim und arbeiten weiter.
Catan hingegen hat den Vorzug, immer wieder überhaupt nicht da zu sein, sondern
zunächst nur als Möglichkeitsform zu existieren ein paar Sechsecke, einige
Holzstäbchen und Holzklötzchen, Karten, Chips mit Zahlen. Weil es Catan, anders
als Mallorca, nicht wirklich gibt, steht es uns frei, dort im Rahmen der Regeln
zu tun, was immer wir wollen. Man nennt diese Freiheit auch Spiel".
Wenn wir uns jetzt daran erinnern, was das Ende des 20. Jahrhunderts ausmacht,
wird der Zusammenhang recht deutlich: Catan ist nicht unübersichtlich und global,
Catan liegt herrlich überschaubar vor uns auf dem Tisch. Catan ist nicht postmodern
und kühl, sondern archaisch, treibt nicht zur Eile, sondern verlangt Zeit. Die
Siedler von Catan" sind nicht das kalkulierte Produkt einer Marketingabteilung,
sondern entstammen der Phantasie eines Individuums. Sie sind all das nicht, womit
sich der Mensch am Ende des 20. Jahrhunderts herumschlagen muß, nicht rational,
nicht technisch, nicht hektisch, nicht zweckorientiert; sie entsprechen aber auch
nicht dem gängigen Gegenprogramm, sind also nicht esoterisch oder gefühlig, nicht
übersinnlich verschwurbelt, nicht irgendwie schwammig sozialpädagogisch. Es gibt
Gewinner und Verlierer, so muß es auch sein doch der Gewinner gewinnt nur"
ein Spiel, und der Verlierer hat, anders als im richtigen Leben, jederzeit eine
zweite, dritte, vierte Chance. Hinzu kommt: Klaus Teuber hat sich, als er die
Siedler" entwickelte, die künftigen Kunden offensichtlich nicht als
Idioten vorgestellt das ist ihm hoch anzurechnen und unterscheidet ihn
von den erwähnten Fernsehmoderatoren oder Journalisten und auch von manchen Spiele-Erfindern.
Er hatte im Zeitalter der Berieselung den Mut, den Menschen ein gewisses Denkvermögen
zuzutrauen und komischerweise hat sich darüber bis heute niemand beklagt.
Wer jetzt noch behauptet, erfolgreiche Spiele müßten unbedingt leicht und seicht
sein, weist selbst jenes Maß an Beschränktheit auf, das er anderen unterstellt.
Klaus Teuber und seine Spiele, die Siedler" und das Ende des 20.
Jahrhunderts als Fazit böte sich nun an, von einer poetischen, auch romantischen
Revolte gegen das technische Zeitalter zu sprechen, von den Freuden direkter Kommunikation
statt des unsinnlichen Austausches von e-mails, vom Reiz des Beisammenseins am
Spieltisch gegenüber der Vereinzelung vor dem Computer-Bildschirm. Dieses Fazit
wäre aber so eingängig wie falsch. Der Autor Teuber ist kein weltfremder und gegenwartsferner
Träumer, der mit Hilfe von Tintenfaß und Feder bei Kerzenschein seine Ideen zu
Papier bringt. Und die Verehrer seiner Spiele sind keine lebensuntauglichen Vergangenheitsbewohner,
die vor den Anforderungen des modernen Alltags nach Catan oder ins Zauberland
des Barbarossa flüchten. Klaus Teuber kann nicht nur Kronen formen, er kann neuerdings
auch programmieren; höchstpersönlich, so ist zu hören, und keineswegs unwillig,
sondern geradezu ehrgeizig, hat er an der Entwicklung einer PC-Version der Siedler"
mitgewirkt. Es sieht nicht so aus, als fühlte er sich genötigt, im Glaubenskampf
Brett oder Festplatte" eine unverrückbare Position einzunehmen
was er mit den meisten Spielern gemeinsam hat. Sie sehen kein größeres Problem
darin, vom Computer an den Tisch zu wechseln und zurück, auch wenn das in manches
Weltbild nicht passen mag.
Im Falle der Siedler" muß dieser Ortswechsel und Wechsel des Mediums
nicht einmal einen Themenwechsel zur Folge haben. Wer suchet, der findet im Internet
eine vielbesuchte Siedler"-Homepage, und wer noch gründlicher sucht,
findet noch viel mehr aufs Stichwort Siedler von Catan" melden
verschiedene Suchmaschinen zwischen 150 und 1111 Treffer, von Annettes informativer
Homepage" über Spielwaren Eberhardt in Altenstadt bis zu den Bookmarks von
Franz Eder. Ich glaube nicht, daß sich Klaus Teuber darüber allzusehr ärgert und
hartnäckig darauf beharrt, sein Spiel sei ein Teil der altmodischen realen, nicht
der modernen virtuellen Welt. Es ist ein Teil beider Welten, und weil wir am Ende
des 20. Jahrhunderts nun einmal in beiden Welten leben, sind das Spiel und seine
Spieler offensichtlich außerordentlich zeitgemäß. Wer hätte das gedacht, da es
doch archaische Bedürfnisse befriedigt und überhaupt nicht jene Art von Fun
verspricht, um den es heutzutage ausschließlich zu gehen scheint? Wer hätte gedacht,
daß Klaus Teuber so modern ist, obwohl er doch nicht in die Zeit paßt?
Klaus Teuber, Spieleautor am Ende des 20. Jahrhunderts. Am Anfang schien das
noch ein Widerspruch zu sein jetzt sieht es so aus, als wäre er genau der
richtige Autor für unsere Zeit, weil er zu bieten hat, was ihr fehlt, ohne dabei
im geringsten gestrig zu sein. Am Ende des Jahres 1998 gehe ich vermutlich kein
großes Risiko ein, wenn ich behaupte: Klaus Teuber ist auch ein Spieleautor am
Anfang des 21. Jahrhunderts. Wir dürfen aufatmen. Der Mann ist gerettet.
MICHAEL KNOPF (Quelle: http://members.aol.com/miknopf/teuber.htm)
(Nachdruck oder Übernahme, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des
Knopfes.)
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